Habs jetzt fertig gelesen und hier meine Kurzkritik:
Dieser Roman ist aus der Sicht des Agenten Nr. 67 erzählt - in Form von Berichten; jedes Kapitel (hier "Depesche" genannt) ist ein Bericht: "Depesche erste", "Depesche zweite" usw. Da es von einem 13-jährigen ausländischen Jungen geschrieben ist (sein Herkunftsland wird nicht genannt), hat der Autor absichtlich gebrochenes Deutsch (bzw. im Original gebrochenes Englisch) verwendet. Die Wörter selbst haben (Gott sei Dank) keine Rechtschreibfehler, nur die Sätze sind falsch aufgebaut. Anfangs braucht man ein paar Seiten, um sich daran zu gewöhnen, aber später liest es sich nicht mehr so schwer. Es erfordert aber die Aufmerksamkeit/Konzentration des Lesers. Auch die Wortwahl/Ausdrucksweise ist ziemlich originell. Als Beispiel: "Organisiere Kopfhaar mit Gebrauch von Kamm."
Aber natürlich ist nicht das gesamte Buch so geschrieben, schließlich gibt es Dialoge mit den "einheimischen" US-Amerikanern.
Es ist schwer, dieses Buch einem bestimmten Genre zuzuordnen, aber ich würde es als Religionssatire bezeichnen. Dazu kommen noch Politsatire und Sozialkritik der Konsumgesellschaft. Aber in erster Linie werden hier der religiöse Fanatismus und die Scheinheiligkeit kritisiert.
Das Buch ist humorvoller als ich gedacht hätte. Wir sehen die westliche Welt aus den Augen dieses Jungen, der aus einem Armen östlichen Land kommt (höchstwahrscheinlich ein imaginäres Land, weil es Merkmale von mehreren Ländern aufweist - Irak, Russland, Afghanistan, Nordkorea). Es ist eine Art abstraktes Denken eines Kindes, vergleichbar vielleicht mit Forrest Gump. Als er zum Beispiel zum ersten Mal eine Kirche betritt, sieht er dort eine riesige Jesus-Skulptur aus Gips an der Wand hängen, und formuliert das in etwa so, dass da ein gefälschter gefolterter halbnackter Mann mit aufgemaltem Blut hängt. Nur etwas lustiger. Als er von seiner Gastfamilie am Flughafen begrüßt wird, reichen sie ihm als erstes ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Eigentum von Jesus" und wollen, dass er es sofort anzieht. Innen der Aufkleber: "Made in China". Sie geben ihm eine kleine amerikanische Flagge, an der ebenfalls ein kleiner Sticker hängt: "Made in China".
Das sind nur ein paar Beispiele, aber das Buch ist voll davon, und ich war wirklich die ganze Zeit sehr gut unterhalten.
Auch lobenswert ist die gründliche Recherche in mehreren Bereichen, die der Autor hier geleistet hat und die nicht zu übersehen ist. Besonders was Chemie und Zitate von bekannten Diktatoren betrifft.
Das ist übrigens auch interessant - Agent 67. wurde gezwungen, Zitate von anderen Menschen auswendig zu lernen, dabei jedoch keine eigene Meinung bilden zu dürfen.
Überhaupt gibt es im gesamten Buch sehr viele tolle Einfälle und bildhafte, fast episch anmutende Passagen.
Der Roman ist radikal. Ich dachte ja, dass er erst gegen Ende wirklich heftig wird, aber nein. Bereits im zweiten Kapitel (bzw. Bericht) macht der Autor dem Leser klar, dass er sich auf etwas gefasst machen kann. In dem einen Moment ist man belustigt, im nächsten schockiert - das ist Satire und typisch für Palahniuk.
Was mir jedoch nicht so ganz gefallen hat, war das Ende. Es kam anders als erwartet und war nicht katastrophal, aber ich hätte mir etwas anderes gewünscht. Da waren ein paar Sachen, die ich etwas albern fand.
Und auch sonst gibt es ein paar Stellen, an denen die Figuren nicht sehr glaubwürdig handeln.
"Bonsai" ist auf jeden Fall besser als der vorherige Roman des Autors (Snuff) und wirklich empfehlenswert. Und ja, es gibt ein paar kleinere Parallelen zu Fight Club (zum Beispiel "Operation Chaos"), aber der Roman ist trotzdem eigenständig genug. Ich denke eher, dass Chuck absichtlich ein paar kleine "Insider" reingestellt hat. Eine von den Figuren heißt zum Beispiel "Magda", aber an einer Stelle wird sie von einer anderen Figur fälschlicherweise als "Marla" angesprochen
